Ein Freund der Sünder | World Challenge

Ein Freund der Sünder

David WilkersonJune 12, 2006

„Der Menschensohn ist gekommen … ein Freund der Zöllner und Sünder“ (Matthäus 11,19). In Lukas 7 lesen wir die Geschichte eines Pharisäers namens Simon, der Jesus in sein Haus zu einem Mahl einlud. Dieser fromme Mann lud auch eine ausgewählte Gruppe jüdischer Führer wie er ein, sich zu dem Abendessen zu gesellen. Sehr wahrscheinlich waren diese Gäste ebenfalls Pharisäer.

Es war ganz klar eine sehr religiöse Versammlung. Simon und seine befreundeten Pharisäer befolgten das Gesetz aufmerksam, gaben peinlich genau den Zehnten und gingen täglich zum Haus Gottes. In ihren eigenen Augen waren sie nach dem Gewissen rechtschaffen, und sie bildeten sich ein, die heiligen Männer ihrer Generation zu sein.

Ich bin mir nicht sicher, warum irgendein Pharisäer Jesus zum Essen einladen sollte, geschweige denn andere streng religiöse Männer hinzuziehen. Ein wahrscheinlicher Grund für die Einladung war, dass Simon und seine Freunde feststellen wollten, ob Jesus ein Prophet war, oder eigentlich, um ihn als solchen zu widerlegen. Der Abschnitt macht klar, dass Simon von Jesu Ruf, ein Prophet zu sein, wusste (siehe Lukas 7,39).

In jener Kultur war es üblich, jeden Gast im Haus mit einer Schüssel Wasser und einem Tuch zu begrüßen, um dem Besucher den Staub von den Füßen zu waschen. (Es gab keine gepflasterten Straßen damals, sodass die Füße der Leute immer staubig von ihren Reisen waren.) Der Gast wurde außerdem mit einem Kuss auf jede Wange begrüßt. Dann reichte man ihm ein kleines Gefäß mit einer Salbe auf Ölbasis, um sein Haar einzureiben, das sehr wahrscheinlich Feuchtigkeit brauchte.

Wenn ich diesen Abschnitt lese, scheint es, dass Simon Vorkehrungen getroffen hatte, seine anderen Gäste Platz nehmen zu lassen, bevor Jesus eintraf. Und sehr wahrscheinlich wurden jene anderen Gäste nach der üblichen Sitte erfrischt. Schließlich wollte kein Pharisäer einen Ruf unter seinesgleichen haben, nicht gastfreundlich zu sein.

Doch der Abschnitt macht deutlich, dass Jesus keine solche Gastfreundschaft empfing. Alles, was er erhielt, als er eintraf, war Herablassung. Da war kein Wasser, um den Staub von seinen Füßen zu waschen, kein höflicher Kuss auf seine Wange, keine Salbe für seinen Kopf (siehe Lukas 7,44-46). Stattdessen wurde er als geringerer Besucher zum Liegetisch geführt, und er musste mit seinen noch staubigen Füßen zwischen die anderen liegen.

Die Schrift berichtet nicht, worüber diese Gruppe rund um den Abendessen-Tisch sprach, aber wir können davon ausgehen, dass es mit Theologie zu tun hatte. Die Pharisäer waren auf dieses Thema spezialisiert, und sie hatten bei anderen Gelegenheiten versucht, Jesus mit abstrusen Fragen hereinzulegen. Aber Christus wusste, was in den Herzen dieser Männer war, und es wurde sehr schnell deutlich.

Als nächstes lesen wir, dass eine Frau von der Straße, die „eine Sünderin“ war, in die Szene einbrach. Irgendwie bahnte sich diese berüchtigte Frau ihren Weg an den Hausdienern vorbei und ging auf den Tisch zu, an dem diese religiösen Männer speisten. Da stand sie nun weinend zu den Füßen Jesu und umklammerte ein Alabastergefäß mit Parfum.

Simon und seine Freunde müssen zu verdutzt gewesen sein, um zu handeln. In der Tat waren sie wahrscheinlich vom Schock gelähmt. Sie erkannten diese Frau als stadtbekannte Sünderin wieder (Sie mag eine Prostituierte gewesen sein.) Ich kann mir vorstellen, was diese religiösen Männer dachten: „Wie beschämend, dass eine solche Sünderin in dieses ‚Jesustreffen’ einbricht. Wir reden hier über Theologie, und plötzlich platzt diese Straßenprostituierte hier herein.“

Die sündige Frau fiel auf ihre Knie, nahm die staubigen Füße Jesu in ihre hohlen Hände und begann, sie mit ihren Tränen zu baden. Dabei musste es den Pharisäern den Atem verschlagen haben: „Oh nein. Wie kann Jesus dieser Frau erlauben, ihn zu berühren? Es ist gegen das Gesetz, mit irgendjemandem Kontakt zu haben, der unrein ist. Er sollte sie nicht einmal seine Kleider berühren lassen. Doch hier erlaubt er einer Prostituierten, seine Füße zu halten.“

An diesem Punkt tat sie etwas Unvorstellbares: sie ließ ihr Haar herunter. Keine anständige Jüdin würde solch einen Akt in der Öffentlichkeit vollzogen haben. Doch diese verrufene Frau benutzte ihr Haar, um Jesus die Füße abzuwischen. Schließlich öffnete sie das Alabastergefäß und goss Parfum über die Füße Christi.

Jetzt waren die Pharisäer entrüstet und dachten: „Wie beschämend! Das ist Erotismus. Jesus kann unmöglich ein Prophet sein. Wenn er wirklich von Gott gesandt wäre, hätte er gewusst, dass diese Frau böse ist und hätte diese Zurschaustellung des Fleisches sofort gestoppt.“ In der Tat, die Schrift sagt, dass genau das Simons Gedanken waren (siehe Lukas 7,39).

Aber Jesus las die Gedanken seines Gastgebers und kündigte an: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen“ (Lukas 7,40). Ich möchte hier pausieren, die Worte Jesu an Simon zu betrachten. Tatsache ist, nachdem ich diese Geschichte mehrere Male gelesen hatte, wurde ich vom Heiligen Geist unterbrochen und hörte ihn mir zuflüstern: „David, in dieser Geschichte habe ich dir etwas zu sagen.“ In der Tat glaube ich, dass der Herr uns allen hier etwas zu sagen hat.

Ich fühlte mich veranlasst, mich in diese Geschichte hineinzuversetzen und mich selbst im Licht dieser Wahrheit zu prüfen. Sofort sah ich, dass in diesem Abschnitt zwei Geisteshaltungen am Werk sind: der Geist des Pharisäertums und Christi Geist der Vergebung und Wiederherstellung. Die Pharisäer strahlten einen verurteilenden, heiliger-als-du-Geist aus, und verurteilten sowohl die berüchtigte Frau als auch Jesus. Aber Christus machte den Geist der Vergebung und Wiederherstellung sichtbar, als er Simon ansprach, dass er ihm etwas zu sagen hatte.

Ich bekenne, dass mein erster Gedanke, als ich mich in diese Geschichte versetzte, war: „Natürlich, ich habe den Geist Jesu. Ich bin ein Freund der Sünder. Ich habe Jahre im Dienst an Abhängigen und Alkoholikern, an Prostituierten, den schlimmsten Sündern verbracht. Ich habe nichts Pharisäerhaftes in mir.“

Oder ich dachte so ähnlich. In der Tat meinen die meisten von uns: „Ich gehöre nicht zu dieser Art Gläubiger. Ich richte andere nicht.“ Doch das ist der Geist des Pharisäertums, der schlussfolgert: “Ich bin nicht wie andere. Ich bin gerechter, heiliger.“ Die meisten von uns haben gelegentlich zugelassen, dass Neid, Eifersucht oder Ärger unsere Meinung über andere färbte.

Für mich ist die beste Definition eines Pharisäers: „einer, der die Sünden anderer überwacht, während er sich selbst rechtfertigt.“ Jesus veranschaulichte das, indem er auf das Gebet eines Pharisäers im Tempel hinwies: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher ... Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem“ (Lukas 18,11-12).

Einfach ausgedrückt, eine pharisäische Geisteshaltung sagt: „Alle anderen befinden sich im Irrtum. Rundherum sehe ich nichts als Sünde und Kompromiss. Aber ich liege richtig. Ich bin ein Verteidiger der Wahrheit.“

Christus erzählte Simon ein Gleichnis von zwei Männern, die einem Gläubiger Geld schuldeten. „Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?“ (Lukas 7,41- 42).

Simon schien die Botschaft zu verstehen. Der nächste Vers liest sich so: „Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat“ (7,43). Was genau war Christi Botschaft an diesen Pharisäer? Kurz, er sagte Simon damit: „Du bist derjenige, der Vergebung braucht.“

Sehen Sie, als Jesus ihn zuerst ansprach: „Ich habe dir etwas zu sagen“, meinte er: „Ich möchte dir zeigen, was in deinem Herzen ist. Im Moment geht es hier am Tisch nicht um diese Frau, die hier hereingekommen ist. Es geht um dich, Simon. Es geht um den Geist in dir, deinen religiösen Stolz, deine Arroganz, deinen verurteilenden Geist, deinen Mangel an Mitgefühl.“

Ich glaube, dass Jesus damit dem stolzen Pharisäer im Wesentlichen sagte: „Diese so genannte ‚böse‘ Frau kennt die Tiefen ihrer Verdorbenheit. Sie weiß, dass sie Verurteilung verdient. Und sie hat ihren hoffnungslosen Zustand zugegeben und betrachtet sich als die schlimmste Sünderin. Der eigentliche Grund, aus dem sie hierherkam und dies tat ist, dass sie so dankbar für Barmherzigkeit und Reinigung ist.

Diese Frau sieht deine Verachtung für sie, Simon. Sie hört euer aller Flüstern untereinander und fühlt euren verurteilenden Zorn. Aber sie wird euch im Gegenzug nicht verurteilen. Nein, sie wird euch trotz allem lieben. Das deshalb, weil sie weiß, was ihr vergeben wurde. Sie ist fähig, jeden anderen zu lieben, weil sie trotz ihrer eigenen Sünden so geliebt wurde. Jetzt fühlt sie, dass sie kein Recht hat, andere zu verurteilen.

Aber du, Simon, du erkennst die Verdorbenheit deines eigenen Herzens nicht. Du sitzt über diese gebrochene Frau zu Gericht, aber du siehst nicht, dass du genauso viel Barmherzigkeit brauchst, oder sogar mehr. Du denkst, dass sie viel Vergebung braucht und du nur wenig. Aber so ist es nicht.“

Bedenken Sie, was Jesus vorher zu den Pharisäern gesagt hatte: „Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein“ (Markus 7,20-23).

In den fünfzig Jahren meines Dienstes habe ich so viel Torheit, so vieles was falsch ist, so viel Vermarktung des Evangeliums, so viel Wucher und falsche Lehre gesehen. Und ich weiß, dass das alles den Herrn betrübt hat. Jesus trieb die Geldwechsler seiner Zeit hinaus und er deckte auf, was falsch war. Aber er bewahrte seine schärfste Zurechtweisung für das Pharisäertum auf. Die Berichte der Evangelien überzeugen mich davon, dass es nichts gab, was Christus mehr hasste.

Ich habe gebetet: „Jesus, bevor ich eine weitere Predigt über den Zustand deiner Gemeinde halte – bevor ich ein weiteres Wort über die Unzulänglichkeiten eines anderen Dienstes sage –, zeige mir bitte mein eigenes Herz. Heiliger Geist, mächtiger Chirurg, schneide tief ein bis zu meinem Krebsgeschwür und röntge mein Herz. Zeige mir den Stolz und die Härte in meinem eigenen Herz.“

Kürzlich las ich, dass es in Amerika 3.700 pfingstliche Denominationen gibt und etwa 27.000 in der ganzen Welt. Zu diesen hinzu kommen Tausende charismatische Gruppen und kleine Denominationen. In Brasilien und Argentinien, Nigeria und in anderen afrikanischen Ländern gibt es mehrere hundert dieser Denominationen. Die Baptisten sind in der Anzahl verschiedener Denominationen nicht weit dahinter.

Viele dieser Denominationen sind lehrmäßig gesund, leisten eine großartige Arbeit und errichten geistliche Gemeinden. Sie predigen das Evangelium kraftvoll und gewinnen eine große Anzahl von Seelen. Aber es gibt auch vieles, das blasphemisch ist, viele falsche Propheten und viel Bettelei um das Geld der Armen.

So war es auch in den Tagen Christi. Da waren so viele Arten von Pharisäern, so viele Splittergruppen von Sadduzäern, so viele einander widerstrebende Priester. Irrlehren waren reichlich vorhanden, Witwen wurden beraubt und Älteren wurden die Häuser gestohlen – alles aus „religiösen“ Gründen.

Jesus machte klar, dass eines Tages alle Übeltäter solcher sündigen Handlungen gerichtet werden. Sie werden alle an jenem Tag vor ihm stehen und Rechenschaft dafür ablegen, was sie getan haben. Doch während Jesus auf der Erde diente, weigerte er sich, Zeit damit zu verbringen, die Angelegenheiten dieser Leute zu überwachen. Er saß noch nicht auf seinem Richterstuhl. Stattdessen konzentrierte er sich ganz auf die Arbeit an seinem Reich.

In den kommenden Tagen werden wir eine Zunahme von Torheit und Falschheit in der Gemeinde sehen wie nie zuvor. Engel des Lichts werden auftreten, dämonenbesessene Prediger und Evangelisten, deren Rede aalglatt, wortgewandt und verlockend ist. Diese Männer werden mächtig während ihrer Anwesenheit und glattzüngig beim Predigen eines Wortes sein, das durch und durch vom Teufel inspiriert ist.

Vor nicht langer Zeit sah ich einen solchen Evangelisten im Fernsehen, der eine Spendenaktion durchführte. Er erzählte eine wilde Geschichte von einer Frau, die seinem Werk 100 Dollar gab und innerhalb weniger Wochen über 800.000 Dollar erbte.

Wie angewurzelt saß ich im Schock auf meinem Stuhl, als ich diese schreckliche Verführung weitergehen sah. Bald entbrannte meine Wut und ich rief zum Himmel: „Ich werde diesen Mann entlarven!“ Doch gleich danach wusste ich, dass der Herr meinem Herzen zuflüsterte: „Nein, das wirst du nicht. Du wirst ihn in Ruhe lassen. Die Blinden führen die Blinden, und sie alle enden im Graben.“

Ich glaube wirklich, dass es mein Wunsch war, das Evangelium zu verteidigen, aber ich reagierte im Fleisch. Tatsache ist, Jesus hat schon eine Aussage über genau dieses Thema gemacht. Seine Jünger kamen eines Tages zu ihm und sagten: „Meister, du erregst Anstoß bei den Pharisäern mit dem, was du lehrst.“ Jesus antwortete ihnen: „Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube“ (Matthäus 15,14).

Im Verlauf meines Dienstes war ich oft gezwungen, vielen ein strenges Wort zu bringen, Worte, die sich gegen die Falschen und die Narren richteten. Davon rücke ich nicht ab, obwohl ich weiß, dass ich manchmal in meinem Eifer fehlgeleitet war. Doch die Dinge werden so schlimm werden, mit so vielem, was den Herrn betrübt, dass wir leicht unsere ganze Zeit damit verbringen könnten, zu versuchen, diese Feuer zu löschen. Christus sagt uns, dass dies nicht unsere primäre Aufgabe zu sein hat. Stattdessen gibt er uns ein klares Wort darüber, was unsere Bestimmung in diesen letzten Tagen zu sein hat.

Betrachten Sie den anderen Geist, der an jenem Abend im Haus Simons, des Pharisäers, offenbart wurde: der Geist der Vergebung und Wiederherstellung. Die Schrift sagt uns: „Und er wandte sich zu der Frau“ (Lukas 7,44). Hier sehe ich Jesus, wie er uns zeigt, worauf unser Augenmerk konzentriert sein muss: nicht auf falscher Religion, nicht auf Irrlehrer, sondern auf Sünder.

Während Jesus von Simon und seinen Gästen wegschaute, wandte er sich der Frau zu und sagte: „Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt … Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden“ (7,47.50). Jesus offenbarte hier, warum er kam: um sich mit den Gestrauchelten, denjenigen ohne Freunde, jene, die von der Sünde eingeholt waren, anzufreunden und sie wiederherzustellen. Und zu uns heute sagt er: „Genau darum geht es in meinem Dienst.“

Auch der Apostel Paulus sagt, dass dies unser Augenmerk sein muss. Wir sollen eine gefallene Person nicht verurteilen, sondern versuchen, sie wiederherzustellen und ihre Schande zu beseitigen. Tatsächlich machte er dies zum Test für echte Geisterfülltheit: eine Bereitschaft, einen gefallenen Menschen wiederherzustellen. „Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest“ (Galater 6,1).

Wenn Paulus den Ausdruck benutzt „sieh auf dich selbst“, dann bittet er die Galater, sich an ihr eigenes Bedürfnis nach Barmherzigkeit in der Vergangenheit zu erinnern. Mit anderen Worten: „Was hat Christus in euch vergeben? Welche Schande eurer Vergangenheit hat die Barmherzigkeit beseitigt? Hat der Herr diese Sünden bedeckt? Denkt jetzt an die vielen unfreundlichen Taten und Gedanken in eurem Alltag und an euer eigenes Bedürfnis nach Christi ewig strömender Gnade und Vergebung.“

Der Theologe Johannes Calvin sagte, im Wesentlichen: Der Christ, der die Sünden anderer richtet, obwohl selbst schuldig, ist wie ein verurteilter Straftäter, der den Richterstuhl besteigt, um einen anderen zu verurteilen. Daher warnt Paulus: „Sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“

Dann fügt Paulus sofort die Anweisung über den Weg Christi hinzu: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (6,2). Was ist das Gesetz Christi? Es ist Liebe: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt“ (Johannes 13,34).

Die Wahrheit ist, dass Sünde die schwerste Last des Menschen ist. Wir dürfen Sünde bei anderen nicht einfach übersehen oder billigen. Aber es gibt einen Weg, anderen ihre Last tragen zu helfen, und das ist sanfte, liebevolle Freundlichkeit und Korrektur. Wir sollen bußfertige Brüder in Sanftmut und Liebe wiederherstellen.

Paulus schrieb an Timotheus, wie er mit jenen umgehen sollte, die in „dem Fallstrick des Teufels“ sind „nachdem sie von ihm gefangen worden sind für seinen Willen“ (2. Timotheus 2,26; Elberfelder Bibel 2006). Er weist an: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten [gegen sie], sondern … milde sein, lehrfähig, duldsam, und die Widersacher in Sanftmut zurechtweisen <und hoffen>, ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder aus dem Fallstrick des Teufels heraus nüchtern werden“ (2,24-26).

Wenn wir Paulus’ Anweisung lesen, „einer des andern Last zu tragen und so das Gesetz Christi zu erfüllen“, müssen wir uns selbst fragen: „Möchte ich wirklich so leben, wie es dem Herrn gefällt, und sein Wort erfüllen?“

O, die vielen, vielen Wege, auf denen ich versucht habe, Gott zu gefallen. Ich habe gebetet: „O Herr, wirf mich dir zu Füßen vor deiner Gegenwart. Lass mich in Zerbrochenheit weinen. Mache mich zerknirscht, erwecke meinen Geist, lass mich nicht von Lauheit angesteckt werden. Gib mir mehr Leidenschaft für dein Wort.“

Alle diese Dinge sind gut; sie sind biblisch, und sie zu tun, lässt uns uns wohlfühlen, weil wir wissen, dass wir Dinge tun, die Gott gefallen. Doch Paulus sagt: „Dies ist, was der Herr am meisten von uns will. Dies ist sein Wort darüber, wie wir das Gesetz Christi erfüllen: Tragt die Lasten anderer. Stellt die Gefallenen wieder her.

Ich kann diese Worte Paulus‘ nicht abschütteln. Sie lassen mich fragen: „Herr, wie genau trage ich die Lasten eines anderen? Ich kann nicht die Sünden anderer tragen. Das ist allein das Werk Christi. Aber, Herr, ich höre dich sagen, dass es das ist, was du wünscht. Deshalb sollte es dieses eine Ding sein, von dem ich weiß, wie ich es tun muss, aber ich weiß es nicht. Wo sind die Anweisungen?“

Dies ist, was ich vom Heiligen Geist gehört habe: Ich soll ihn bitten, all meinen Stolz, all meinen Neid und meine Eifersucht, all mein Verurteilen und meinen fehlgeleiteten Eifer auszugraben. Und ich soll ihn bitten, mir seinen Geist der Vergebung und Nachsicht zu geben. Kurz: Ich soll den Geist suchen, den Jesus in Simons Haus hatte.

Wenn wir solch einen Geist in uns haben, wirkt er wie eine mächtige magnetische Kraft, um die zu ziehen, die Gottes Barmherzigkeit brauchen. Sie war es, die die berüchtigte Frau zum Geist des Mitgefühls in Jesus hinzog. Wir wissen, dass es das Werk des Heiligen Geistes ist, Sünder zu umwerben und zu Christus zu ziehen. Aber warum sollte der Heilige Geist einen Menschen, der Vergebung braucht, zu uns schicken, wenn wir nicht den Geist der Vergebung haben?

Der große Evangelist George Whitefield und John Wesley waren zwei der bedeutendsten Evangelisten in der Geschichte. Diese Männer predigten zu Tausenden in offenen Versammlungen, auf den Straßen, in Parks und Gefängnissen, und durch ihren Dienst wurden viele Menschen zu Christus gebracht. Aber es entstand ein Streit zwischen den beiden Männern über die Lehre, wie ein Mensch geheiligt wird. Beide Lager verteidigten ihre Position energisch, und es wurden einige heftige Worte ausgetauscht, wobei die Anhänger der beiden Männer in ungehöriger Weise diskutierten.

Ein Anhänger Whitefields kam eines Tages zu ihm und fragte: „Werden wir John Wesley im Himmel sehen?“ Damit fragte er im Wesentlichen: „Wie kann Wesley gerettet werden, wenn er solchen Irrtum verkündigt?“

Whitefield antwortete: „Nein, wir werden John Wesley nicht im Himmel sehen. Er wird so hoch oben, nahe dem Thron Christi sein, so nahe beim Herrn, dass wir ihn gar nicht sehen können.“

Paulus bezeichnete diese Art Geist als ein „weit gewordenes Herz“. Und er hatte es selbst, als er an die Korinther schrieb, eine Gemeinde, in der ihm einige Härte vorgeworfen und über sein Predigen gespottet hatten. Paulus versicherte ihnen: „O ihr Korinther, unser Mund hat sich euch gegenüber aufgetan, unser Herz ist weit geworden“ (2. Korinther 6,11).

Wenn Gott Ihr Herz weit macht, dann werden plötzlich so viele Begrenzungen und Barrieren entfernt. Sie sehen nicht mehr durch eine enge Linse. Stattdessen sehen Sie, wie der Heilige Geist Sie zu den verletzten Menschen führt. Und die Verletzten werden durch die magnetische Anziehung des Heiligen Geistes zu ihrem mitfühlenden Geist gezogen.

Haben Sie ein sanftmütiges Herz, wenn Sie verletzte Menschen sehen? Wenn Sie Glaubensgeschwister sehen, die in Sünde gestolpert sind ... die Probleme haben ... die auf eine Scheidung zugehen mögen ... sind Sie versucht, ihnen zu sagen, was in ihrem Leben falsch läuft? Das braucht man ihnen nicht zu sagen, weil sie es höchstwahrscheinlich schon wissen. Was Paulus sagt, was solche Menschen nötig haben, ist, in einem Geist der Sanftmut und Güte wiederhergestellt zu werden. Sie müssen dem Geist begegnen, den Jesus in Simons Haus demonstrierte.

Hier ist mein Herzensschrei für die mir verbleibenden Tage: „Gott, nimm alle Enge von meinem Herzen weg. Ich möchte deinen Geist des Mitgefühls für jene haben, die verletzt sind ... deinen Geist der Vergebung, wenn ich jemanden sehe, der gefallen ist ... deinen Geist der Wiederherstellung, um ihre Schande zu beseitigen.

Nimm alle Ausschließlichkeit aus meinem Herzen weg und erweitere meine Fähigkeit, meine Feinde zu lieben. Wenn ich mich jemandem nähere, der in Sünde ist, lass mich nicht mit Verurteilung gehen. Stattdessen lass den Wasserbrunnen, der in mir entspringt, einen Strom göttlicher Liebe für sie sein. Und lass die Liebe, die ihnen gezeigt wird, in ihnen selbst ein Feuer eine Liebe zu anderen entzünden.

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Bibelstellen – soweit nicht anders angegeben – nach der Lutherübersetzung 1984. Die angegebenen Versnummern können bei einigen Bibelausgaben abweichen.

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